Offener Brief

Bundesministerium für Bildung und Forschung
Projektgruppe Nationale Dekade gegen Krebs
Kapelle-Ufer 1

10117 Berlin

Dortmund, 11.12.2019

Offener Brief – Nationale Dekade gegen Krebs

Sehr geehrte Damen und Herren,

gerne folge ich Ihrem Aufruf, mich mit Überlegungen zu Hürden und Möglichkeiten auf das von ihnen formulierte Ziel zu beziehen.

  1. Hürde:

Die 1. Hürde besteht meiner Ansicht nach in einem einseitigen Begriff von Forschung.

Wünschenswert ist, dass die universitäre medizinische Forschung ihren Blick und Horizont in Bezug auf ihre Forschungsdesigns und Fragestellungen weitet. Somit könnten auch soziologische und psychologische, komplementärmedizinische und naturheilkundliche Erkenntnisse in die aktuelle Forschung einbezogen werden.

Wünschenswert sind sicher auch Überlegungen, wie die Forschung vom universitären Elfenbeinturm aus Wege der Kommunikation und Information findet, die Betroffene und Laien erreicht.

  1. Hürde

Die 2. Hürde besteht meiner Ansicht nach in einer einseitig dualistischen Perspektive und einer Kampfhaltung gegen das Phänomen Krebs. Statt den Krebs mit der ihm eigenen aggressiven Energie zu begegnen, möchte ich eine ganz andere Haltung gegenüber dem Phänomen vorschlagen. Nämlich eine Konzentration auf den finalen Sinn:

Was wäre, wenn wir das Schreckensgespenst Krebs direkt fragen würden, worauf es uns hinweisen

möchte? Wofür es da ist???

Ist es vorstellbar, dass Krebs im Grunde ein unglaublich wichtiger Lehrmeister für uns alle ist?

  1. Hürde

Die 3. Hürde besteht meiner Ansicht nach in einer einseitig pathologisierenden Haltung, mit der zugleich wirtschaftliche Interessen verbunden sind.

Eine solche Haltung betrachtet Krebs als bösartigen Fremdkörper, der bekämpft werden muss.

In dem Forschungsbereich mit einer salutogenen Haltung und Forscher mit der prozessorientierten Frage nach einem ´Krebs WOFÜR?́´ kommen nach meiner Beobachtung zu ganz anderen Ergebnissen. Für sie ist Krebs ein biologischer Prozess, der vielen Betroffenen den Anstoß für eine persönliche und

richtungsweisende Entwicklung gegeben hat.

Wünschenswert ist meiner Ansicht nach eine gegenseitige Befruchtung von pathogener, salutogener und prozessorientierter Haltung.

  1. Hürde

Als 4. Hürde zeigt sich für mich das Fehlen eines integralen Verständnisses, dass die

unterschiedlichen Dimensionen und Ebenen des Phänomens Krebs beleuchtet.

Wünschenswert ist meiner Ansicht nach eine Integrale Haltung / Wahrnehmung:

Eine integrale Wahrnehmung umfasst die Krankheit, die Person und den Arzt. Sie berücksichtigt und

wertschätzt alle therapeutischen Ansätze in ihrem jeweiligen Fokus wie z.B. holistisch, allopatisch, alternativ, homöopathisch, schulmedizinisch, integrativ, ganzheitlich, bilologisch, komplementär usw. (siehe Vorwort zum Buch: Integral Medicine: A Noetic Reader von Ken Wilber, Quelle: Integrales Forum e.V.).

Was würde sich in der Wahrnehmung, in Bezug auf das Phänomen Krebs ändern, wenn alle diese

subjektiven und objektiven, hintergründigen und vordergründigen Wahrheiten zusammen erfasst würden?

Welchen Beitrag können die unterschiedlichen Forschungsbereiche für die Gemeinschaft leisten, wenn sie ihre Ergebnisse zusammen fügen würden?

  1. Hürde

Die 5. Hürde besteht meiner Ansicht nach in einem noch immer vorherrschenden positivistischen Weltbild, von dem sowohl unser Gesundheitssystem als auch unser Bildungssystem durchdrungen ist.

Wünschenswert ist ein Gesellschafts- und Bildungssystem, das ganzheitliche Fähigkeiten fördert.

Gerade in Bezug auf das Phänomen Krebs, scheint es mir unerlässlich zu sein, die Sensibilität und Wahrnehmung zu stärken und zu fördern, um die Menschen darin zu unterstützen, auf die eigene, innere Stimme zu hören und ihr auch wirklich zu vertrauen.

  1. Hürde

Die 6. Hürde liegt meiner Ansicht nach – wie unter 4. bereist angeklungen ist – in der Tatsache, dass Krebs zu einem mächtigen Wirtschaftsfaktor geworden ist. Auch in dem Strategiekreis der Nationalen Dekade gegen Krebs sitzen unter anderem Vorstände und Leiter von Einrichtungen und Unternehmen, die zum Teil sehr viel Geld mit Krebs verdienen.

Was wird aus diesen Unternehmen und den vielen Menschen, wenn der Krebs entscheiden sollte, sich aus der Gesellschaft und den Menschen wieder zurückzuziehen?

Was wird dann aus den vielen onkologischen Therapie- und Pflegeeinrichtungen und den Menschen die hier arbeiten?

Ein Wirtschafsunternehmen oder eine Institution hat kein Interesse, dass ihm die Geschäftsgrundlage

entzogen wird. Das liegt einfach in der Natur der Sache. Ganz zu schweigen von den Steuereinnahmen die einfach wegfallen würden.

Von daher wäre es sicherlich notwendig, diesen Faktor von vornherein mit zu bedenken und zum Beispiel gleich zu Anfang der Dekade eine Ausgleichsfinanzierung in Zusammenarbeit mit den betroffenen Menschen, diesen Unternehmen und ihren Aktionären, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, dem Bundesministerium für Finanzen, dem Bundesministerium für Wirtschaft, dem Bundesministerium für Gesundheit, und natürlich dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zu vereinbaren.

Was würden sich für persönliche und gesellschaftliche Konsequenzen ergeben, wenn sich in der

individuellen Krebserkrankung die gesellschaftliche Dynamik spiegelt und umgekehrt?

Was würde sich gesellschaftlich, ökologisch und gesundheitlich, einschließlich der Krebserkrankungen ändern, wenn wir unsere Wirtschaftsordnung auf das Gemeinwohl einschließlich der Natur und Umwelt ausrichten würden – quasi ein wirkliches, konkretes Ziel formulieren würden?

  1. Hürde

Die 7. Hürde besteht meiner Ansicht nach in der Verhaftung an längst überholten und trotzdem wirksamen Dogmen, die dazu beitragen, dass die unterschiedlichen medizinischen Traditionen und Disziplinen noch immer wie durch einen „eisernen Vorhang“ voneinander getrennt erscheinen.

Auf beiden Seiten dieses Vorhangs bietet die Intoleranz, unter dem Mantel der Toleranz den idealen Nährboden für Krebs.

Wünschenswert und meiner Ansicht nach unbedingt notwendig ist stattdessen eine gegenseitige Durchdringung und Befruchtung all der unterschiedlichen Ebenen und Disziplinen. – Nicht zuletzt auch in der Lehre.

Auch Ihre Initiative hat mir noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass es unabdingbar ist, sich mit dem Phänomen Krebs ganzheitlich zu befassen.

Vielen Dank dafür!

 

Mit freundlichen Grüßen

Matthias J. Augsburg

 

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